Über den Tellerrand kochen: Iran

Schneller als erwartet bin ich zum zweiten Mal in den Genuss eines wunderbaren Essens gekommen und konnte erneut über den Tellerrand kochen. Gleichzeitig habe ich nette Menschen kennengelernt, viel gelernt und im wahrsten Sinne des Wortes auch über den Tellerrand geblickt. Am vergangenen Samstag beim Sommerfest des Asylkreises hatten sich Kerstin und Marcel spontan als Gastgeber zur Verfügung gestellt und direkt Nägel mit Köpfen gemacht: Nächsten Samstag, 05.09. zack. Leila aus dem Iran, gerade erst wenige Wochen in Waldniel, saß uns gegenüber, war genauso spontan und sagte: – auf Dari, Deutsch spricht sie noch nicht – ich koche!

Hier seht ihr Leila und ihre Tochter Faryal beim Sommerfest. Sie blättern im ÜberdenTellerrand-Kochbuch und machten ebenfalls gleich Nägel mit Köpfen, indem sie noch an Ort und Stelle ein Rezept auswählten.

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Schon eine Woche später trafen wir uns bei Familie Kessels und waren eine fröhliche große Runde. Aus Deutschland waren Marcel und Kerstin mit ihren Kindern Alina und Ben, Heike mit ihrer Tochter Lea sowie Biggi und Frank dabei. Aus Afghanistan und aus der Nachbarschaft der Gastgeber kommt Meiry, über dessen Teilnahme wir besonders froh waren, denn er war der einzige, der Deutsch und Dari spricht und somit einiges zu tun hatte, um unsere lebhaften Unterhaltungen zu dolmetschen. Aus dem Iran waren Leila und Fereidon mit ihrer Tochter Faryal sowie Somayeh, Fariborz und ihr kleiner Sohn Matiar dabei. Somayeh und Fariborz sind Cousin und Cousine unserer neuen Waldnieler Mitbürger und waren aus Bergheim zu Besuch gekommen. Sie kommen ebenfalls aus Teheran und sind bereits seit zwei Jahren in Deutschland.

Um 17 Uhr waren wir verabredet, doch als wir ankamen, dampfte, kochte und brutzelte es schon kräftig in der kleinen Küche. Leila war aufgeregt und war bereits um 15.30 Uhr gekommen und hatte mit Somayeh und Kerstin schon mal angefangen. Sie hatte Sorge, dass sie sonst nicht fertig wird.

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Während die beiden kochten, taten wir anderen, was uns geheißen wurde: schnippeln, schnitzen, schneiden. Und Meiry stand in der Küche und moderierte, was geschah und erzählte uns viele spannende Dinge über das Leben im Iran. So erfuhren wir zum Beispiel, dass die orientalische Küche deshalb so aufwändig ist und man stundenlang beschäftigt ist, bis alles fertig ist, weil Kochen oftmals die einzige Beschäftigung für die Frauen ist. Frauen sind meistens zuhause, haben keinen Job und gehen auch keinen Freizeitbeschäftigungen nach, wie das hierzulande der Fall ist. Sie kochen oft – so lernten wir – aus lauter Langeweile stundenlang, um sich zu beschäftigen. Und so ist eine wunderbar vielfältige persische Küche entstanden, von der wir uns an diesem Tag überzeugen konnten.

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Hähnchenschenkel wurden erst frittiert und dann zusammen mit frischen Paprika und einem Sud aus Tomaten gekocht. Eine besondere Note erhielten die Schenkel durch die Beigabe von Zimt:

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Fleisch ist im Iran, anders als bei uns, immer nur die Beilage. Der Hauptbestandteil einer Mahlzeit ist Reis. Das ist der Sattmacher. Davon gibt es dann auch eine ganze Menge, und er schmeckt, vielleicht durch die Zugabe von flüssiger Butter, ganz besonders gut.

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Man kocht übrigens – ebenfalls anders als bei uns – nicht einfach den Reis und schüttet ihn in eine Schüssel. Weit gefehlt. Es scheint, dass das Sprichtwort ‚Das Auge isst mit‘ seinen Ursprung im Iran hat. So farbenfroh und schön kann Reis aussehen, wenn er serviert wird.

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Ein Reisberg unter einer Schicht aus Safranreis, Pistazien und Berberitzenbeeren (Essigbeeren).

Aber auch die Fleischbeilage bringt eine iranische Hausfrau nicht einfach so auf den Tisch. Auch die Hähnchenschenkel wurden angerichtet und appetitlich dekoriert. In den Paprikaschoten befindet sich übrigens die Soße.:-)

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Nun könnte man meinen, jetzt steht eine vollwertige Mahlzeit auf dem Tisch. Aber nicht in der persischen Küche. Da gibt es noch eine RIESENschüssel Salat mit Weißkohl, Eisbergsalat, Möhren, Tomaten und Gurken. Außerdem eine Schüssel mit einer Art Eintopf: Spinat mit Putenfleisch und sauer eingelegten unreifen Trauben. Mit einem wunderbar orientalischem Aroma. Einfach göttlich! Dazu noch ein weitere kalte Sauce aus Joghurt, Rahmspinat und Knoblauch, farblich aufgepeppt mit ein wenig Öl. Und eine große Schüssel sauer eingelegte Oliven.

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Nach all diesen Köstlichkeiten gab’s dann zum Abschluss noch etwas Süßes. Und das ist wörtlich zu nehmen. Knapp anderthalb Kilo Zucker wurden da rein geschüttet. Ich hab es mit eigenen Augen gesehen. 🙂 Dieses Dessert hat während der gesamten Kochzeit auf dem Herd geköchelt. Es ist eine Art Safranrisotto und heißt Scholesard (sard heißt gelb).

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Ihr erinnert euch – Leila und ihre Cousine hatten um 15.30 Uhr begonnen, unser Abendessen zu kochen. Um 17 Uhr kamen alle anderen dazu und halfen, wo sie nur konnten. Das zeigte die Uhr, als wir beginnen konnten, den Tisch zu decken:

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Man sieht: Persische Küche ist nichts für Hektiker und Ungeduldige. 😉

Und ein Zitat der Hausherrin beschreibt wunderbar die Vielfalt und gleichzeitige aufwändige Vorbereitung. Sie sagte:

Wenigstens sind jetzt a l l e Schüsseln und Töpfe im Haushalt mal benutzt worden. 🙂

Kleiner Einschub am Rande: Während die erwachsenen „Kochprojektler“ kochten und viele interessante Dinge erfuhren, hatten auch die Jugendlichen ihren Spaß und haben sich – auch ohne gemeinsame Sprache – die ganzen Stunden prima verstanden:

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Aber als es dann so weit war, waren alle – Groß und Klein – sehr froh und voller Vorfreude, den reich gedeckten Tisch zu sehen.

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Und so sah sie aus, die fröhliche deutsch-iranische Tafelrunde:

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Dieser Nachmittag und Abend war ein Ereignis im Rahmen des Kochprojektes vom Asylkreis Schwalmtal. Schwalmtaler, die auch gerne mal mit Flüchtlingen über den Tellerrand kochen möchten, können sich gerne an uns wenden.

 

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