„Ich habe diese Chance bekommen“ – Abdullah über seinen Weg in Deutschland

Vor einiger Zeit hatten wir im Asylkreis einen ganz besonderen Grund zur Freude: Abdullah, der vor mehr als zehn Jahren als Jugendlicher gemeinsam mit seinem älteren Bruder aus Syrien nach Deutschland kam, hielt auf Instagram stolz seinen deutschen Pass in die Kamera. Und wir haben uns mit ihm gefreut. Wir kennen Abdullah seit seinen ersten Jahren in Schwalmtal. Sein Weg war nicht immer einfach und ganz sicher nicht immer geradlinig. Er und sein Bruder lebten viele Jahre hier ohne ihre Eltern und Geschwister, mussten sich in einem fremden Land zurechtfinden, die Sprache lernen und ihren eigenen Platz finden. Inzwischen ist die Familie wieder vereint. Abdullah hat eine Ausbildung abgeschlossen, gearbeitet, sich immer wieder neu orientiert und ist heute deutscher Staatsbürger.

Seine Geschichte ist für uns auch eine Erinnerung daran, warum es sich lohnt, Menschen beim Ankommen zu begleiten, ihnen etwas zuzutrauen und ihnen auch dann die Hand zu reichen, wenn nicht alles sofort gelingt. Wir haben Abdullah gefragt, wie er selbst auf die vergangenen Jahre zurückblickt, wer ihm auf seinem Weg geholfen hat und was der deutsche Pass für ihn bedeutet. Seine Antworten geben wir hier ungekürzt wieder.

Abdullah, du hast gerade deinen deutschen Pass bekommen. Was bedeutet dieser Moment für dich?

„Dieser Moment ist für mich unbeschreiblich. Ich wollte mich schon immer so fühlen wie jeder andere Bürger in Deutschland. Genau deshalb habe ich auch immer mein Bestes gegeben und versucht, aus der Chance, die ich bekommen habe, etwas zu machen. Ich bin nicht den falschen Weg gegangen, auch wenn nicht immer alles leicht und einfach war, wie man vielleicht denkt. Ich habe oft die Faust in der Tasche gemacht und weitergemacht. Ich habe immer alles durchgezogen, auch wenn es schwierige Momente gab. Ich hatte große Angst vor dem Scheitern. Ich hatte Angst vor diesem Gefühl, irgendwann zurückzuschauen und zu denken, dass ich es nicht geschafft habe. Vielleicht war genau diese Angst auch ein Grund dafür, dass ich immer weitergemacht habe. Der deutsche Pass bedeutet für mich deshalb sehr viel. Heute kann ich mich auch als deutscher Bürger fühlen, mit den gleichen Rechten und Pflichten wie jeder andere.“

Du schreibst, dass ein langer Weg hinter dir liegt. Worauf bist du heute besonders stolz?

„Ich bin vor allem stolz auf mich, dass ich diesen Weg gegangen bin, nie aufgegeben und immer weitergemacht habe. Gleichzeitig bin ich sehr stolz auf meine Brüder und meine Mutter. Mein älterer Bruder, der mit mir nach Deutschland gekommen ist, hat sich hier selbstständig gemacht und führt heute einen eigenen Friseursalon. Meine beiden jüngeren Brüder haben in nur wenigen Jahren Deutsch gelernt, den B1-Kurs geschafft, den Führerschein gemacht und beginnen jetzt ihre Ausbildung. Auch auf meine Mutter bin ich sehr stolz, weil sie im höheren Alter noch Deutsch lernt und uns immer wichtige Werte mitgibt. Für mich zeigt das, was man erreichen kann, wenn man die Chance bekommt und sie nutzt.“

Was hat dir in den ersten Jahren in Deutschland am meisten geholfen, hier anzukommen und deinen eigenen Weg zu finden?

„Mir haben vor allem Menschen geholfen, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben, besonders mein Bruder, einige Freunde, die Gemeinde und Menschen wie Biggi und Herr Willms. Gleichzeitig haben mir auch meine Eltern viel Kraft gegeben. Sie haben an mich geglaubt und mir vertraut, und ich wollte sie nicht enttäuschen. Auch wenn ich in den ersten Jahren oft alleine war, habe ich versucht, selbst meinen Weg zu finden, nicht aufzugeben und die Chance, die ich bekommen hatte, zu nutzen.“

Gab es Menschen, die dir besonders geholfen haben oder die an dich geglaubt haben, vielleicht auch in Momenten, in denen es nicht so einfach war? Was hat das für dich bedeutet?

„Ja, es gab mehrere Menschen, die mich auf meinem Weg unterstützt und an mich geglaubt haben, unter anderem Herr Willms, Biggi, Anna und ihr Mann Thomas, Aga Laszewski, die Eltern meines Freundes, Nicole und Markus, und natürlich mein Bruder Ahmad Yaman. Ihre Unterstützung und ihr Vertrauen haben mir viel Kraft gegeben, gerade in schwierigen Zeiten. Sie haben mir geholfen, weiterzumachen und mir hier mein eigenes Leben aufzubauen.“

Was braucht ein junger Mensch, der neu nach Deutschland kommt, damit er hier wirklich eine Chance hat?

„Ich glaube, vor allem braucht man Geduld, Motivation, Stärke und den Willen, sich etwas aufzubauen. In ein fremdes Land zu kommen, ohne Familie, Freunde und mit einer neuen Sprache, ist nicht einfach. Deshalb sind auch Unterstützung, Verständnis und Menschen, die einem am Anfang zur Seite stehen, sehr wichtig. Gleichzeitig muss man selbst bereit sein, die Sprache zu lernen, sich zu integrieren, Regeln zu respektieren und Verantwortung für seinen eigenen Weg zu übernehmen.“

Was würdest du Menschen sagen, die sich fragen, ob sich die Unterstützung von Geflüchteten überhaupt lohnt?

„Ich finde, die Unterstützung von Geflüchteten lohnt sich auf jeden Fall. Niemand verlässt seine Heimat, seine Familie und seine Freunde freiwillig. Ich selbst musste mit 16 Jahren Syrien verlassen, weil ich und meine Eltern nicht wollten, dass ich im Krieg zum Militär gehen und mitkämpfen musste. Natürlich unterstütze ich es nicht, wenn Menschen hier kriminell werden oder sich nicht an Regeln halten. Aber man sollte nicht alle Geflüchteten über einen Kamm scheren. Viele brauchen einfach eine faire Chance, Unterstützung und jemanden, der an sie glaubt. Und vielleicht sollten sich Menschen, die diese Unterstützung infrage stellen, einmal vorstellen, wie es wäre, selbst plötzlich auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Ich habe diese Chance bekommen und versucht, das Beste daraus zu mache durch Arbeit, Ausbildung, Sprache und Integration. Dafür bin ich Deutschland bis heute dankbar.“

Was machst du heute beruflich und wenn du nach vorne schaust, was wünschst du dir für deine Zukunft?

„Ich habe eine Ausbildung zum Bäckereifachverkäufer gemacht und danach noch drei Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Anschließend war ich über drei Jahre bei der Deutschen Telekom beschäftigt. Aktuell lerne ich etwas ganz Neues und möchte Friseur werden – so wie mein älterer Bruder. Für meine Zukunft wünsche ich mir vor allem Gesundheit, Erfolg und dass meine Familie und meine Mitmenschen gesund und glücklich bleiben. Außerdem wünsche ich mir weniger Hass und mehr Liebe und Respekt unter den Menschen. Und ich wünsche mir, dass Deutschland weiterhin ein starkes und gutes Land bleibt, in dem Menschen Chancen bekommen.“

Du schreibst, dass du Deutschland etwas zurückgeben wolltest. Was meinst du damit?

„Für mich bedeutet das, meinen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten: zu arbeiten, eine Ausbildung zu machen, Steuern zu zahlen, die Sprache zu lernen, mich zu integrieren und für meine Mitmenschen da zu sein. Deutschland hat mir damals eine Chance gegeben, die ich nie vergessen werde. Deshalb möchte ich dieses Vertrauen mit Dankbarkeit und guten Taten zurückgeben und das werde ich auch weiterhin tun. Für mich fängt das oft bei kleinen Dingen an. Zum Beispiel habe ich einer älteren Dame beim Einkaufen geholfen, ihren vollen Einkaufswagen zum Auto zu bringen. Sie war überrascht und hat sich sehr darüber gefreut. Für mich war das selbstverständlich. Ich wünsche mir, dass wir alle füreinander da sind, denn wenn ich eines Tages alt bin, wünsche ich mir auch, dass ein junger Mensch auf mich zukommt und mir genauso selbstverständlich hilft.“

Abdullah, danke, dass du so offen auf unsere Fragen geantwortet hast. Wir haben dich ein Stück auf deinem Weg begleiten dürfen. Manchmal mit Freude, manchmal mit Sorge, aber immer mit der Hoffnung, dass du deinen eigenen Weg finden wirst. Heute freuen wir uns einfach mit dir über das, was du erreicht hast. Und wir wünschen dir, deinen Brüdern und deiner ganzen Familie von Herzen alles Gute für das, was noch vor euch liegt.

Und vielleicht ist deine Geschichte auch eine kleine Ermutigung für uns alle: Menschen brauchen Chancen. Manchmal brauchen sie auch  Unterstützung. Und vor allem brauchen sie Menschen, die ihnen zutrauen, ihren Weg zu gehen.

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